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FAQ

Sektionsredner

Dr. Stefan Heßbrüggen-Walter (Hagen) - Curriculum Vitae
Philosophie und Psychagogie bei Descartes: Die meditation als Formung der eigenen Seele

Abstract

Daß Philosophie zur Ausbildung der eigenen Seele beitrage, ist ein Gedanke, der uns heute dezidiert vormodern anmutet. Blickt man auf den Beginn der philosophischen Moderne, wird deutlich, dass die historische Situation um einiges komplizierter ist. Die Reflexion auf die Notwendigkeit der Bildung der eigenen Seele (Psychagogie) ist wesentlicher Motor der Abgrenzung von aristotelisch-scholastischen Paradigmen des Philosophierens. Dies erörtert der Vortrag am Beispiel von Descartes.

Die Verortung des cartesischen Projekts im Kontext seiner Zeit hat sich auf die Herausarbeitung von Querbezügen zu schulphilosophischen Theoriebildungen konzentriert. Das schulphilosophische Denken jedoch begreift Metaphysik als sapientia naturalis und damit als einen Habitus des Menschen, der um seiner selbst willen erworben wird. Für Descartes hingegen hat die erste Philosophie instrumentellen Wert: Wir wollen und sollen die Welt besser begreifen, um besser in ihr leben zu können. Den relevanten Kontext für diesen Problemzusammenhang stellt nicht die Schulphilosophie, sondern vielmehr die Rezeption hellenistischer Philosophie im 17. Jh. zur Verfügung, insbesondere der Neustoizismus von Lipsius. Als zweiter Traditionsstrang ist der mittelalterliche Augustinismus des Hugo von St. Victor zu nennen. Diese Affinitäten sind in der Forschung am Rande schon wahrgenommen worden, wurden jedoch noch nicht für eine Rekonstruktion der cartesischen Konzeption der meditatio und ihrer systematischen Implikationen genutzt.

Meditatio ist für Descartes ein methodisch gesicherter Weg zur Erlangung einer nicht rein kontemplativen, sondern vielmehr praktisch relevanten sapientia. Ziel dieser Praxis ist die Schulung unserer Fähigkeit zur Erkenntnis und zum Verständnis neuer Sachverhalte und damit zur Ausbildung unseres ingenium. Dieser Aspekt der meditatio schließt an Überlegungen des Hugo von St. Victor an. Auch für ihn besteht meditatio in der Schulung unseres ingenium, unserer Fähigkeit zum Erwerb neuer Erkenntnisse. Neben dem Didascalicon, wo dieser Begriff v. a. auf die Lektüre von Texten bezogen wird, ist unter Hugos Namen auch ein eigenes kleines Traktat De meditatione überliefert, in dem dieser primär textbezogene Meditationsbegriff auf die Erkenntnis von Dingen und Sachverhalten ausgeweitet wird. Die Fähigkeit zum Erwerb neuen Wissens (und damit die Fähigkeit zu lernen) ist dem Menschen nach Hugo nicht naturgegeben. Sie muß ausgebildet und geschult werden.

Descartes bettet diesen Gedanken ein in ein am Neustoizismus von Lipsius orientiertes Modell philosophischer Ausbildung. Auffällig sind insbesondere Parallelen zur neustoischen Erörterung des Verhältnisses von praecepta, konkreten ethisch-moralischen Anweisungen, und decreta, kognitiv erfassbaren allgemeingültigen Lehrsätzen. In seiner Manuductio ad Stoicam philosophiam vergleicht Lipsius das Verhältnis beider mit dem Verhältnis der Wurzeln eines Baums und seiner Zweige. Ähnlich wie die Zweige ohne die Wurzeln keine Nahrung erhalten und nicht wachsen könne, aber einzig diese Zweige als Geißel und damit als Mittel der Züchtigung genutzt werden können, bilden die decreta in der Geltungsdimension das Fundament konkreter ethischer Präzepte. Aber nur die Präzepte können als Mittel der Seelenführung eingesetzt werden.

Der Vortrag zeigt in vier Interpretationsbeispielen, wie beide Traditionslinien in Descartes’ Texten zusammengeführt und weiterentwickelt werden: Die Regulae dienen (wie meditatio im Sinne Hugos) dem Zweck der Ausbildung (directio) des ingenium zur Fassung zuvor unbekannter Einsichten. Diese Ausbildung ist jedoch nicht mehr Teil eines Bildungsgangs, der am Ende die Erfassung von kanonischen Wahrheiten zum Ziel hat. Vielmehr ist das ingenium für den jungen Descartes die einzige philosophisch relevante Erkenntnisaktivität: Sie bahnt den Weg zur sapientia universalis. Einen Hinweis darauf, warum Descartes in den Regulae diese starke These vertritt, kann man vielleicht dem Discours entnehmen, in dem die Fähigkeit zum Verständnis zuvor unbekannter Einsichten zum zentralen anthropinon erklärt wird. Die Principia ergänzen dieses Bild durch die Übernahme der aus Lipsius geläufigen Metapher des Baums zur Erklärung des Verhältnisses theoretischer und praktischer Einsicht: Die Metaphysik gilt als Wurzel philosophischer Erkenntnis, deren Ziel es indes sein muß, die praktischen Disziplinen Ethik, Medizin und Mechanik als Zweige des Baums herauszutreiben. Und nur diese Zweige des Baums der Philosophie haben unmittelbar lebenspraktische Relevanz. Die Meditationen schließlich weisen dem noch nicht ausreichend geschulten ingenium des Lesers den Weg zur sicheren Grundlegung solcher Fundamente. Mit ihnen ist das Projekt einer Formung der eigenen Seele jedoch nicht zu Ende gebracht. Erst die Kultivierung unserer Affekte auf der Grundlage der in der Metaphysik gewonnenen Einsichten (und nicht schon der bloße Erwerb dieser Einsichten) kann den Menschen zum Weisen werden lassen.

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Curriculum Vitae von Dr. Stefan Heßbrüggen-Walter

Studium:
  • Bis 2001: Philosophie, Musikwissenschaft, Soziologie (Westfälische Wilhelmsuniversität Münster). Abschluss: Promotion
Promotion:
  • 2001: Die Seele und ihre Vermögen: Kants Metaphysik des Mentalen in der KrV (WWU Münster)
Derzeitige Universität oder Institution:
  • FernUniversität in Hagen
Forschungsschwerpunkt(e):
  • Philosophiegeschichte insbesondere der Neuzeit bis Kant
  • Neopragmatismus (insbesondere Sellars, Rorty)
  • Digital Humanities
Berufliche Stationen:
  • 2004: wissenschaftlicher Mitarbeiter am Institut für Philosophie der FernUniversität in Hagen
Wichtigste Publikation(en):
  • Die Seele und ihre Vermögen: Kants Metaphysik des Mentalen in der KrV, Paderborn: mentis 2004
  • Topik, Reflexion und Vorurteilskritik: Kants "Amphibolie der Reflexionsbegriffe" im Kontext, in: ArchGPh 86 (204)
  • Between Ambrose and the Arians: Augustine and his Critique of Dialectic, in: Pollmann/Vessey, Augustine and the Disciplines, Oxford: Oxford University Press 2005
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